MITTLERER RING B6/B87 LEIPZIG [W]
Gutachterverfahren
Aus dem Verkehrskonzept der Stadt Leipzig lassen sich im Wesentlichen drei Hauptziele für den Mittleren Ring ableiten: 1. optimale Verkehrslenkung, 2. Entlastung der Radialen, 3. Aufwertung und Entlastung des alten Promenadenringes. Diese Ziele dienen der verkehrstechnisch-infrastrukturellen Optimierung. Aufgrund seiner Lage innerhalb und Bedeutung für die Stadt kann dem Mittleren Ring darüber hinaus inhaltliche Funktion und Identifikationscharakter zukommen.
Die konzeptionellen Überlegungen basieren daher auf zwei Grundansätzen. Da ist zum einen die technische Ebene, welche einen reibungslosen Verkehrsfluss für alle Beteiligten sichern soll. Zum anderen soll mit der inhaltlichen Ebene ein Bild vermittelt werden, welches dem innewohnenden Potential des Mittleren Ringes Ausdruck verleiht. Beide Seiten, technisches und inhaltliches Element, bilden ein Spannungsfeld als Grundlage für Gestaltung und Leitbild.
LEITBILD STADT-TURBINE
Das technische Aggregat einer Turbine nutzt Strömungen und wandelt sie gezielt in nutzbringende Energie um. Überträgt man dieses Bild auf den Mittleren Ring, der Verkehrsströme gezielt lenken und beeinflussen soll, entsteht ein übergreifendes Thema, das als Gestaltungskonzept auf unterschiedlichste Bedingungen reagieren kann. Dieses homogene Thema der Stadt-Turbine lässt langfristig unterschiedlichste Interpretationen zu, wobei der Mittlere Ring immer ein technisches Aggregat der Stadt darstellt. Wie eine Turbine wird er an das Versorgungsnetz angeschlossen, wodurch der Kraftschluss zwischen überregionaler Bewegung auf den Autobahnen und städtischem Verkehr hergestellt ist. Die „Turbine“ dreht sich.
Die Gestaltung einer Turbine ist rein aus dem Sinn dieser Maschine entstanden. Jeder wird die eigene Ästhetik erkennen und sie mit Begriffen wie Bewegung, Kraft und Energie verbinden. Ähnliche Assoziationen müsste der Mittlere Ring vermitteln. Das besondere an Maschinen ist das Ineinandergreifen ihrer Einzelteile, wodurch eine Logik, eine Schlüssigkeit entsteht, die erst die Funktionstüchtigkeit ermöglicht. Die Eigenheit von Turbinen besteht in der Modellierung der Teile auf Basis von Strömung und Strömungsverhalten. Die „Harmonie der Einzelteile“ bilden somit die Grundprinzipien ihrer Ästhetik. Darüber hinaus könnte der Mittlere Ring als Energie-Spur und Funktionsader der Stadt begriffen werden.
LEITBILD NEUER PROMENADENRING
Mit seinem Stadttor- und Ringcharakter steht der Mittlere Ring in der Tradition des alten Leipziger Promenadenringes. Hervorgegangen aus dem Stadtmauerring mit seiner Schutz- und Grenzfunktion entwickelten sich in seinem äußeren Umfeld Handels- und Lagerplätze, wie Obst- und Getreidemarkt, Ross-, Waage- und Fleischerplatz. Mit den öffentlichen Gebäuden wie Hauptbahnhof, Theater, Rathaus, Museum, Universität und Kirchen einerseits und außerhalb befindlichen Gärten und Parks andererseits entstand eine „Flaniermeile“, welche durch bewusste Gestaltung und Inszenierung vor allem dem Bürgertum eine Identifikation mit dem Zentrum und die Verortung der Mitte ermöglichte. Der Spaziergang um die Stadt, entlang der wichtigsten repräsentativen Bauten, mit diesen und untereinander kommunizierend, sich als Stadt und Mensch zur Schau stellend ist ein Bild des Promenadenringes aus vergangenen Zeiten. Wie sieht heute ein Spaziergang um die Stadt aus? Mit welchen Geschwindigkeiten bewegt sich Mensch und verändert sich Stadt? Wie stellt sich heute und morgen Stadt dar und kommuniziert mit dem Menschen? Wo und wie findet Identifikation statt? Identifikation beginnt mit einem Bild, einem Image. Der geplante Mittlere Ring besitzt das Potential das Bild eines modernen, zeitgemäßen und für die Zukunft offenen Neuen Promenadenringes zu vermitteln.
Der Neue Promenadenring erfasst mit seiner geographischen Lage in der Stadt Bereiche, welche heute in weiten Teilen von peripherem Charakter geprägt sind und eine Schnittstelle bilden. Für die Annäherung an die Stadt und Durchdringung dieser Zwischenbereiche übernimmt der Ring einerseits Stadttor- und andererseits Scharnierfunktion. Mit der Umfassung eines Stadtkörpers, welcher in etwa der Stadtgrenze um 1900 entspricht ergibt sich ein Dèjá-vu der Geschichte, da auch der alte Promenadenring die Stadt zentrisch definierte. Den geplanten Mittleren Ring als Neuen Promenadenring zu begreifen erfordert eine Neuinterpretation des alten Promenadenringes. Ein „Spaziergang“ um die Stadt findet heute in einer höheren Geschwindigkeit statt. Die schnellere Erreichbarkeit einzelner am Ring befindlicher Punkte führt zu einer scheinbaren Verringerung der Distanzen. Durch diese Vernetzung und Verknüpfung vormals peripher gelegener Orte entsteht neben dem historischen „Zentrumsring“ ein neues „Ringzentrum“. Eine Verlagerung klassisch öffentlicher Nutzungen vom Zentrum an die Ränder findet bereits statt. Es gibt längst nicht mehr nur das eine Zentrum, der Mensch hat die Wahl sich aus verschiedenen Bausteinen, wie aus einem verstreuten Puzzle, seinen eigenen Zentrumsbegriff zusammenzusetzen. Wie sich der Zentrumsbegriff von morgen zusammensetzen, wie er inhaltlich besetzt sein wird und ob er überhaupt zu verorten ist, bleibt offen. Konstant bleiben vermutlich 1. ein Sinnbild für die Identifikation mit dem Ort (das historische Zentrum) und 2. Aktivitäten und Impulse, die von einem Ort ausgehen (der Neue Promenadenring). Mit der weiteren Anlagerung von Inhalten aus Kultur, Freizeit, Kommerz und Wirtschaft, aber auch besonderen Wohn- und Arbeitsformen könnte der Ring zum Schaufenster der Stadt werden. Das Freihalten von Flächen und die Ausweisung für Sondernutzungen in einem Korridor entlag des Ringes wären dabei Vorraussetzung. Es könnte eine Intensität entstehen, die nicht nur der Geschwindigkeit des Verkehrs entspricht sondern vor allem dem Vorbeifahrenden einen Eindruck der modernen städtischen Vielfalt und einen Vorgeschmack auf die „Leipziger Freiheit“ vermittelt. Beide Seiten, historische Konstanten und moderne Vielfalt, hätten dabei ihren Raum.
Neben der baulichen und medialen Selbstdarstellung der am Neuen Promenadenring befindlichen Nutzungen wird eine Kommunikation der Ringe und Inhalte vorgeschlagen. Eine wörtliche Übertragung der Dominanten, der statischen Fixpunkte des Zentrums auf den Straßenbelag ist ein Verweis auf die historischen Konstanten der Stadt. Diese werden ergänzt durch Verweise auf gegenwärtige Aktivitäten der Stadt und Inhalte entlang des Neuen Promenadenringes. Eine Kommunikation mit den Mitteln des Schaufensters lässt die Stadt im Vorbeifahren erleben. Die Straße als öffentlichen Raum zu begreifen schließt auch ein Konzept der Freiflächen ein. Dabei geht es nicht um die Schaffung eines „grünen“ Gürtels um die Stadt, sondern vielmehr um den gezielten und massiven Einsatz natürlicher und landschaftlicher Elemente. Zum einen sind durch Grundstückskäufe und Abbruchmaßnahmen entstandene undefinierte Raumkanten städtebaulich zu festigen und zum anderen die notwendigen Ausgleichsmaßnahmen gewinnbringend einzusetzen. Verbindungen zwischen bestehenden landschaftlichen Elementen und Parks der Stadt entlang des Neuen Promenadenringes zu schaffen ist eine Chance zur Verbesserung von Lebensqualität in angrenzenden Wohnquartieren.
Der Geist und Charakter des Ortes ist ein wesentlicher Faktor für seine Entwicklung. Der offensive Umgang mit einem Image und die Akzeptanz aller Beteiligten ist Vorraussetzung für ein Klima in dem Offenheit für neue Inhalte und Formen herrscht. Die Vermittlung des Bildes eines modernen, neuen und offenen Promenadenringes könnte Synergien erzeugen und das Verkehrsprojekt Mittlerer Ring zu einer strategisch klugen Maßnahme in Zeiten und Räumen städtischer Umbrüche werden lassen.
VERWEISE:
- Mittlerer Ring Leipzig (Studie Orientierungs- und Verweissystem 2004)

