SOFT CITY BAD OEYENHAUSEN [W]
Ideenwettbewerb_Nördliche Innenstadt
WAHRNEHMUNG UND GESCHWINDIGKEIT
Das Planungsgebiet befindet sich den Koordinaten nach im Zentrum der Stadt, im Sinne von Wahrnehmung und Orientierung findet diese Verortung jedoch nicht statt. Die Wahrnehmung basiert auf visuellen, akustischen und haptischen Eindrücken und deren Verbindung mit eigenen Erinnerungen. Es werden Bilder und Stimmungen erzeugt, diese mit bekannten verglichen und versucht, aus der Summe der Eindrücke einen bestimmten Charakter und einen Grad an Intensität zu erkennen. Im konkreten Fall fällt dies relativ schwer, zumal Inhalte kaum transportiert werden und vom Ort nur eine sehr schwache oder keine Intensität ausgeht. Es herrscht ein schlappes Chaos. Einzige und wirklich starke Intensität geht von der Bundesstraße als pulsierende Ader mit ihrem Transitverkehr aus. Dieser Kraft kann der Ort jedoch keine eigene Intensität entgegensetzen, es fehlt die Entsprechung, der Gegendruck. Der hohen „Geschwindigkeit“ der Bundesstraße steht eine extrem niedrige „Geschwindigkeit“ im Bereich Bahndamm und Werre gegenüber, es gibt weder Übergänge noch Abstufungen, da die mittleren Geschwindigkeitssegmente fehlen. Als Betrachter und Passant befindet man sich oft in dem Konflikt, dass die eigene Geschwindigkeit (im Sinne von Bewegung) selten mit der Geschwindigkeit des Ortes (im Sinne von Intensität) korrespondiert.
"NEUES ZENTRUM-NORD" IN BAD OEYNHAUSEN
Historisch gesehen meint man mit Zentrum einer Stadt den Mittelpunkt des politischen, gesellschaftlich-kulturellen und geistigen Lebens der Stadt. Bei Vorhandensein eines historischen Kernes bildet dieser meist auch den geographischen Mittelpunkt, sorgt für Identität und hierarchische Orientierbarkeit. Die Entwicklung der Städte scheint jedoch immer häufiger in die Richtung zu verlaufen, dass sich der Zentrumsbegriff in einzelne Segmente aufspaltet. Mit der räumlichen Trennung ist oft auch eine inhaltlichen Trennung verbunden. Es erscheint schon selbstverständlich, dass die meist an der Peripherie gelegenen Einkaufs- und Erlebnisparks für viele Menschen eine wesentliche Zentrumsfunktion übernehmen. Die Auslagerung städtischer Verwaltungen und Ämter (wenn auch oft aus räumlichen Zwängen) ist ein weiteres Beispiel. So kann die Priorität eines Zentrums je nach Benutzung und Erwartung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, aber auch bei einer Bevölkerungsgruppe zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich sein. Der Mensch hat die Wahl, denn es gibt nicht mehr das eine Zentrum. Es gibt verschiedene Bausteine, wie ein verstreutes Puzzle, aus dem sich jeder unbewusst seinen eigenen Zentrumsbegriff zusammensetzt. Die Frage, wie sich der Zentrumsbegriff von morgen zusammensetzen, wie er inhaltlich besetzt sein wird und ob er überhaupt zu verorten ist, bleibt offen. Konstant bleiben vermutlich nur zwei Faktoren: 1. ein Sinnbild für die Identifikation mit dem Ort (das kann ein Platz, Gebäude, oder ein Denkmal sein) und 2. Aktivitäten und Impulse, die von dem Zentrum ausgehen (wenn die Impulse erlöschen, verkommt das Zentrum bestenfalls zur historischen Kulisse)....
Das historische Zentrum mit Kurpark und Bahnhof bleibt ein Gegenpol und deckt die traditionellen Segmente ab. Was jedoch fehlt, ist ein konkreter Ort, ein Mittelpunkt, ein Symbol der Identifikation für alle. Diese Funktion könnte und sollte das Neue Rathaus mit seinem Umfeld übernehmen. Die impulsgebende Kraft für Entwicklungen und zukünftige Veränderungen werden beide, historisches Zentrum und „Werre-Park“ nicht leisten können, sie erfüllen zwar ihre Funktionen sind aber statisch und festgelegt. Und genau hier liegt die Chance und das Potential des Planungsgebietes. Es kann also nicht darum gehen ein neues und letztlich statisches Zentrum künstlich zu erschaffen. Es geht um die Schaffung eines aktiven Ortes mit „Werkstatt“-Funktion für die Stadt, der Spannung und Interessiertheit erzeugt und Intensität ausstrahlt. Dieser Ort sollte mit seiner maximalen Flexibilität auch zukünftige Veränderungen und Tendenzen aufnehmen können, Interaktionen ermöglichen und selber Antrieb für Entwicklungen sein....
DIE KOMPONENTEN
Wie bei dem Begriff Softcity geht es auch bei den Komponenten mit ihren Mitteln und Werkzeugen nicht um die Schaffung neuer künstlicher Begrifflichkeiten beziehungsweise der Überbeanspruchung von in diesen oder anderen Zusammenhängen benutzten Metapher. Es geht vielmehr darum, die Struktur zu erkennen, zu beschreiben und mit Hilfe der Sprache als Verständigungsmittel zu schärfen und für alle Akteure kommunizierbar zu machen. Die Komponenten lassen sich in dienende und inspirierende Komponenten unterscheiden. Dienende Komponenten sind die Hardware und die Software der Stadt. Zur Hardware zählen der Bahndamm und die Werre als topographische Grenze; die Infrastruktur, also die Hauptstraßen, über-greifendes Wegenetz und Medien; sowie der angrenzende Stadtkörper. Mit Software sind alle Gesetze, Regeln, Vorschriften und Organisations-strukturen gemeint. Diese Komponenten müssen nun auf ihre dienende Funktion hin überprüft und optimiert werden, woraus sich erste Maßnahmen ableiten ließen. Im Bereich der Hardwareoptimierung könnte der Bahndamm zwischen historischer Stadt und Rathaus linear geöffnet werden, der Damm wird zur Brücke und ermöglicht eine fließende Durchwegung. Eine weitere Maßnahme wäre der Ausbau der stillgelegten Bahnlinie zur „grünen Spur“ entlang der ehemaligen Schokoladenfabrik als Landmarke, mit Überbrückung....von Bahndamm und Werre. Der Bau der Umgehungsautobahn ist für die B 61 unabdingbar. Ein weiterer Ausbau der B 61 in einer späteren Phase ist abhängig von der Intensität und dem „Druck“, der vom Bereich der Softcity ausgeht. Ein zu frühes Eingreifen würde möglicherweise Entwicklungsrichtungen vorwegnehmen. Grundsätzlich gilt, alle Maßnahmen so auszurichten, dass die Flexibilität im Bereich der Softcity gefördert wird. Dazu zählt natürlich auch und vor allem eine Optimierung der Software. Die Reduzierung der Gesetze, Vorschriften und Regularien auf ein Minimum würde einen entscheidenden Beitrag zur Freisetzung von Energie und Phantasie leisten. Eingerichtete Organisationsstrukturen und Quartiersmanagement dienen der Kommunikation und Moderation. Es muss eine Beteiligung und Akzeptanz aller Akteure und Eigentümer angestrebt werden. Zur Koordination von Aktivitäten könnte ein Grundstückspool geschaffen werden. Um Fehlentwicklungen wie Monostrukturen oder Spekulation zu vermeiden würden aufgestellte “Spielregeln” ein grobes Raster bilden. Der eigentliche Motor für die Entwicklungen ist die inspirierende Komponente. In Form von Einzel- und Pilotprojekten sollen die Inspiratoren neue Nutzungsspektren und Hybridstrukturen anbieten und damit Prozesse in Gang setzen. Mit diesen Prozessoren werden Synergiepunkte gesetzt und Dynamik erzeugt. Es können aber auch Schwerpunkte thematisiert und Entwicklungsrichtungen angeschoben werden. Der Geist von Softcity muss initiiert und das Image nach außen vermittelt werden.
DAS HANDLUNGSSCHEMA
Für die Bewältigung einer so komplexen Aufgabe scheint es hilfreich, sich neben einer inhaltlichen Strukturierung ein grobes Handlungsschema aufzustellen. Dieses Gerüst könnte vereinfacht in der Beantwortung der Fragewörter in folgender Reihenfolge bestehen: was, wie, wer, wann und wo. Im Falle von Softcity handelt es sich aber nicht um ein einseitig gerichtetes und schon gar nicht um ein starres System. Vielmehr muss hier das Handlungsschema als Interaktionsschleife funktionieren. Diese Interaktionsschleife beginnt mit der Zielformulierung, Analyse und Schaffung geeigneter Organisationsstrukturen. Die darauffolgende Wahl der Mittel und Werkzeuge und die Durchführung konkreter Maßnahmen ist immer gebunden an die Gesamtzielvorgaben. In der Reihenfolge von Denken und Handeln folgt das Beobachten. Hierbei geht es um die Untersuchung der Auswirkungen der Maßnahmen und die Begleitung möglicher Synergieeffekte. Die Analyse der Veränderungen ist die Grundlage für einen neuen Input, womit sich die Schleife geschlossen hat und die Eingangsparameter unter Umständen korrigiert werden müssen. Ein Zeitraum von 5 Jahren scheint angemessen um Tendenzen und Entwicklungsrichtungen zu erkennen und wenn nötig beispielsweise neue Prozessoren zu setzen. Ob und wann sich das System konsolidiert hat kann man nicht voraussagen. Grundsätzlich ist es ja auf Flexibilität und Weiterdenken angelegt und angewiesen. Aber Spätestens wenn die Prozesse eine Eigendynamik erfahren und Softcity eine Intensität besitzt, um selbst zum Stimulator für Bad Oeynhausen zu werden, ist das Ziel erreicht.

