Projekte 2001 Initiative L 21 DRÖGE ORTE LEIPZIG [L21]

DRÖGE ORTE LEIPZIG [L21]

Artikelserie_Leipziger Stadtmagazin Kreuzer

ARGE L21

L21-DRGE_ORTE-1

GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT – ein Fragment über die Öffnung öffentlicher Räume (April 2001)

 

 „Neueste inoffizielle Pläne und Überlegungen zur Einführung einer Mautgebühr für Fußgänger im Leipziger Zentrum werden sicher nicht ohne Widerspruch bleiben. So sollen an den Zugangsstraßen und Fußgängerzonen, wie der Hainstraße und der Grimmaischen Straße, Drehkreuze aufgestellt werden, die nur mittels Entrichten einer Gebühr passiert werden können. Es wird auch über die Verwendung von Chipkarten, ähnlich denen bei Parkhäusern nachgedacht, welche dann zum Zugang und der Benutzung der Innenstadt berechtigen. Eine Tagesgebühr würde sich voraussichtlich zwischen 0,50 DM und 2,00 DM bewegen. Je nach Höhe der eingebrachten Kaufkraft werden die Gebühren beim Verlassen der Innenstadt zurückerstattet. Es geht den Verantwortlichen hierbei vor allem darum, durch die Einnahmen der Mautgebühren die Möglichkeit zu erhalten, die Parkgebühren der im Zentrum gelegenen Parkhäuser zu senken, um somit eine Erhöhung der Attraktivität der Innenstadt zu erreichen." ... Vision oder Wirklichkeit? Wird der öffentliche Raum privatisiert, oder werden sich nur immer mehr öffentliche Aspekte in privat kontrollierte Bereiche verschieben? Die Tendenz scheint eindeutig. Durch die Schaffung von Einkaufs- und Erlebnisparadiese, ob an der Peripherie oder wie jüngst die KAUFHOF-GALERIA im Zentrum werden Orte erzeugt, die bestimmte Facetten des städtischen Lebens benutzen. Auf privatem Territorium wird Öffentlichkeit bewusst inszeniert, die ausschließlich der Verkaufsphilosophie dient. Es handelt sich hierbei jedoch nur um ein Beispiel für eine allgemein zu beobachtende Tendenz der Trennung und Funktionalisierung auf unterschiedlichen Ebenen. Die klassische Mischung und Vernetzung von Wohnen, Arbeiten, Handel, Freizeit, usw. schwindet mehr und mehr. Wie bei einem Uhrwerk, dessen Räder sich zwar beständig drehen, aber nicht mehr ineinander greifen, sich voneinander entfernen und jedes seine eigene Geschwindigkeit hat, werden die einzelnen Komponenten getrennt. Die „Seniorenresidenz" gegenüber dem „Wohnen für junge Leute", die Prager Straße mit ihrer monofunktionalen Prägung, bedeuten nicht nur baulich eine Trennung der Nutzungen, sondern vor allem auch eine Trennung der Benutzer.

Sollte die Stadt und der öffentliche Raum wirklich ein Spiegel der Gesellschaft sein, dann befinden wir uns in einer Gesellschaft von Aus- und Abgrenzung. Das suggerierte Bedürfnis von Ruhe und Ordnung, der angebliche und immer wieder diskutierte Verlust des Sicherheitsgefühls erzeugen einen Verdrängungsmechanismus, welcher bestimmten Personengruppen, ob nun sozial schwächer oder einfach nur anders, den Zugang zu immer mehr öffentlichen, bzw. vermeintlich öffentlichen Bereichen verwehrt. Das Hauptmerkmal des öffentlichen Raumes ist aber die Möglichkeit für alle, ihn zu benutzen. Der Spiegel hat jedoch einen Sprung und die Wirklichkeit wird oft nur verzerrt darstellt, wenn wir uns an Kulissen entlang bewegen, oder uns offene Glasfassaden eine Durchlässigkeit vorgaukeln, obwohl soziale Filter die wahren Grenzen bilden. „Offen für alle" eben nicht nur im Schutz einer bestimmten Kirche, sozialen Einrichtung, oder eines besonderen Ereignisses. Die Angst vor dem Unbekannten beginnt im Kopf, wobei die Ursache in den meisten Fällen fehlende Kommunikation ist. Das Unbekannte wagen und das Unbekannte zulassen, begreifen und erfahren, dass eine Stadt nicht nur aus Glanz, Fassade und Prestige besteht, dass jede Medaille eine Kehrseite und einen Rand besitzt, dass erst mit der Mischung ein fruchtbares Klima für neue und nachhaltige Prozesse entsteht. Das Ineinandergreifen und Vernetzen von unterschiedlichen Nutzungen und deren Benutzer, das gegenseitige Akzeptieren und Profitieren macht eine Stadt zur Stadt und den öffentlichen Raum zu mehr als einer Negativfläche und der kürzesten Verbindung von A nach B. Aber gerade diese Flächen, die Leerräume zwischen den Gebäuden werden in nächster Zukunft in Leipzig an Bedeutung gewinnen, denn durch die Erodierung der Stadt können die öffentlichen Bereiche in einer Beziehung Hoffnung schöpfen. Die Festlegung des Verfallsdatums für eines der wesentlichsten Lebensmittel von Stadt und Mensch, von Gebäuden, und der sich daraus ergebende unvermeidliche Abriss eines nicht unbeträchtlichen Teils der „alten Gründerzeit" bewirkt zumindest eine quantitative Erweiterung der öffentlichen Bereiche und solcher, die als öffentlich wahrgenommen werden. „zu verbrauchen bis: siehe Deckelprägung". Der Übelkeit nach zu urteilen, die einige Neubauten beim Betrachten hervorrufen, ist deren Verfallsdatum oftmals schon nach Fertigstellung erreicht. Damit ergeben sich für die Zukunft weitere Reserven und Potentiale.

Veränderungen ohne Wachstum, ein Zustand, an den sich die Gesellschaft wohl noch gewöhnen muss. Die Veränderungen beginnen aber damit, Wagnisse einzugehen, Neues zuzulassen und zu fördern. Die entstehenden Freiräume sind als solche zu erkennen und deren Möglichkeiten auszuschöpfen. Flexibilität und Mischung sollten die regulative Starre ablösen, Unsicherheit positiv besetzt sein. Wie weit entfernt sind wir nun wirklich von der Vision der Mautgebühr für Fußgänger im Zentrum? Oder werden wir in einer lebendigen und bunten Stadt leben, in einem Schmelztiegel, aus dem Veränderungen hervorgehen und Prozesse in Gang kommen, wo Vielfalt und das Unvorhersehbare zugelassen werden?

 

PARTNER: